Philippe: Während den Festtagen habe ich «Schreiben» von Milena Moser gelesen. Wir haben uns bisher nicht über Dich als Autor, über Dein Schreiben, unterhalten. Milena Moser behauptet, der Plot sei überbewertet, viel wichtiger sei die Figur. Deshalb komme bei ihr immer die Figur vor dem Plot. Teilst Du diese Ansicht?
Gianpietro: Zuerst kommt das Thema, also die Frage nach dem Kontext der Geschichte. Dann kommen die Figuren, deren individuellen Erlebnisse der Geschichte eine fassbare Dimension geben. Erst
dann kommt der Plot, also die Handlung, denn dieser ist von den Individuen abhängig. Wenn Du nicht weisst, wer handelt, kannst Du keine Handlung entwickeln. Aus dem Ganzen entsteht die Wandlung
der Figuren, also der Einfluss der Geschehen auf das Wesen der Figuren. So gesehen, bin ich mit Milena Moser einig, die Figuren kommen vor dem Plot.
Lass mich das am Beispiel von meinem Debütroman «Die Tote von Anglona» erklären. Wie ich in einem früheren Beitrag dieses Blogs gesagt habe, ging es mir darum, meine eigene Erfahrung
aufzuarbeiten. Ich wollte aber nicht meine Geschichte erzählen. Also war klar, dass ich eine Geschichte erfinde.
Das Thema war aber gesetzt: Die Folgen des Wandels einer Gemeinschaft, die nicht mehr für alle ihre Mitglieder sorgen kann. Wissenschaftler würden dies über die ganze Gemeinschaft betrachten
und beschreiben, Statistik anwenden und so. Mir ging es aber um Individuen, um individuelle Geschichten und ihre Folgen.
Als musste ich die Geschichten dieser Menschen erzählen. Zu diesem Thema gibt es viele Figuren, die in Frage kommen. Eltern, die ihre Kinder ziehen lassen müssen, weil diese keine Zukunft in
der Heimat haben. Die Wegziehenden, die Bekanntes verlassen und Unbekanntes entdecken. Die Daheimgebliebenen, die ohne die Weggezogenen weiterleben müssen. Die Partner und Freunde in der neuen
Heimat der Weggezogenen. Die Kinder der Weggezogenen und deren Kinder. Und noch einige mehr.
Ich habe mich für den Sohn eines Weggezogen entschieden. Weil es mir um diesen Aspekt geht. Wie gibt man als Vater die Kultur seiner Vorfahren weiter, wenn man selbst nicht in der alten
Heimat der Vorfahren aufgewachsen ist?
Meine Hauptfigur musste die Basilikata mit anderen Augen sehen als sein Vater. Die Basilikata ist reich an Geschichte, also war ein Historiker naheliegend. Während der Vater der Hauptfigur
primär die eigene Perspektivlosigkeit in der Basilikata sah, war für den Historiker das historische Erbe äusserst interessant.
Hätte ich mich für eine Frau entschieden, die in einem sozialen Beruf oder als Naturwissenschaftlerin aktiv ist, wäre eine völlig andere Handlung entstanden.
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Lydia (Dienstag, 06 Januar 2026 10:36)
"Ich habe mich für den Sohn eines Weggezogenen entschieden. Weil es mir um diesen Aspekt geht. Wie gibt man als Vater die Kultur seiner Vorfahren weiter, wenn man selbst nicht in der alten Heimat der Vorfahren aufgewachsen ist?"
Der Aspekt hilft mir gerade, Probleme zu verstehen, die durch Flucht in Familien entstanden sind.