· 

Mozart oder Beethoven?

Philippe: Mozart soll die Musik zuerst im Kopf gehört haben und dann so aufgeschrieben, wie wir sie heute kennen. Ohne Änderungen oder Korrekturen. Beethoven hat hingegen aufgeschrieben, überarbeitet und wieder überarbeitet. Er hat so viele Versionen hinterlassen, dass oft nicht klar ist, ob eine bestimmte Partitur die Version ist, die er hinterlassen wollte.


Bist Du eher Typ Mozart oder Typ Beethoven?


Gianpietro: In der Literatur spricht man von Plotter und Pantser. Ein Plotter geht beim Erschaffen einer Geschichte von der Handlung aus, d.h. dass die Handlung bereits feststeht, wenn der Plotter zu schreiben anfängt. Pantser handeln aus dem Bauchgefühl heraus. Der Begriff kommt von der englischen Redewendung „to fly by the seat of one’s pants“. Der Plotter plant möglichst viel, der Pantser entdeckt die Geschichte beim Schreiben.


Das sind Extremtypen. Dazwischen gibt es ein ganzes Spektrum an Verhalten. Ellen Brock hat vier Typen von Autoren definiert: Sie unterscheidet zusätzlich, ob jemand methodologisch oder intuitiv schreibt. Deshalb kennt sie methologische Plotter, intuitive Plotter, methodologische Pantser und intuitive Pantser.


Ich bin ein intuitiver Plotter.  Der intuitive Plotter plant zwar alles im Voraus, tut es aber nicht anhand von Strukturen oder Modellen, sondern nach Gefühl. Er hat eine Geschichte im Kopf und in seinen Notizen, kümmert sich aber eher wenig um Theorie und gestaltet die Geschichte so, wie es sich für ihn „richtig“ anfühlt.


Ganz am Anfang, schreibe ich mir die Geschichte ganz grob auf. 15 bis 20 Titel, zu jedem Titel zwei, drei Sätze. Das ist eigentlich der Aufbau des Buches mit seinen Kapiteln. Allerdings werden diese Kapitel mit der Zeit Platz tauschen, fusionieren und zusätzliche Kapitel aufnehmen. Die Szenen und Dialoge entstehen beim mir im Kopf. Ich stelle mir die Szene vor, höre die Dialoge. Das passiert meistens nicht in der Reihenfolge, wie sie im Buch vorkommen. Wenn ich mir die Szene so vorgestellt habe, dass sie für mich stimmig ist, schreibe ich sie auf. 


Manchmal sind es auch einzelne Sätze. Achims Frau sagt ihm im Debütroman: «Steine ernähren nicht, Achim, außer man ist Historiker!» Dieser Satz ist mir isoliert in den Sinn gekommen, ich habe ihn aufgeschrieben, aufgespart, bis ich eine Stelle fand, wo er hineinpasste.


Meine erste Rohfassung ist sehr handlungs- und dialoglastig. Und dann überarbeite ich die Geschichte zehnmal. Zuerst lese ich sie noch einmal und achte nur darauf, ob sie schlüssig ist. Das zweite Mal geht es nur um Räume. Und so geht es weiter mit den Bewegungen, den Farben, den Klängen, den Gerüchen, den Emotionen, ob es keine losen Enden hat, ob Bilder im Kopf entstehen.  Am Schluss achte ich nur noch auf die Stimmung. Dazu lasse ich mir den Text von meiner Software laut vorlesen.


Also weder Mozart noch Beethoven …., aber wenn überhaupt eher Beethoven.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Lydia (Dienstag, 20 Januar 2026 19:10)

    DANKE für den Einblick in Ihre Schreibmethode! Lydia