Philippe: In den Sozialen Medien hast Du preisgegeben, dass das Jahr 1992 eine zentrale Rolle in Deinem zweiten Roman spielt. Du sprichst vom Jahr des Umbruchs in Italien. Vor einiger Zeit hast Du mitgeteilt, dass der Roman den Arbeitstitel «Petrolio» trägt, in Anlehnung an Pasolinis letztes Werk. Was hat 1992 mit Pier Paolo Pasolini zu tun?
Gianpietro: 1992 entdeckte die breite Bevölkerung wie verbreitet ein System war, welches alle im Alltag wahrnahmen, ohne zu wissen wie bedeutend es ist.
Ausgelöst wurde dies durch einen Fall von Korruption in Mailand, welches sich rasch zu einem landesweiten Ermittlungskomplex entwickelte. Dieses wurde «mani pulite» genannt, wörtlich saubere Hände, sprichwörtlich weisse Weste. Es kam ein ausgedehntes System von Korruption zum Vorschein, welches alle politische Parteien betraf.
1992 brach der Partito Socialista Italiano zusammen, die Democrazia Cristiana folgte zwei Jahre später. Erste Nutzniesserin war die Lega Nord, die sich dort als neue Kraft präsentierte, wo
der Skandal anfing: in Norditalien, insbesondere in der Lombardei. Landesweit konnte sie sich nicht etablieren, dass sie eine Abspaltung des Nordens anstrebte.
Die Cosa Nostra, die sizilianische Mafia, wähnte sich in diesem korrupten System sicher und ermordete im Frühjahr 1992 die Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Sie löste damit einen
Widerstand aus, den sie nicht erwartet hatte.
Die Stimmung in der Bevölkerung kippte. Silvio Berlusconi erkannte dies als Erster und gründete eine neue Partei, Forza Italia, die seit 1994 das politische Geschehen prägt.
Mitten in diesen Ereignissen erscheint Pasolinis Buch Petrolio, welches er nicht vollenden konnte. Die veränderte Stimmung führt dazu, dass das ausgesprochen wurde, was vorher unaussprechbar
war: wurde Pasolini ermordet, weil er zu viel über die Machenschaften der Ente Nazionale Idrocarburi (ENI) wusste?
Die ENI geriet selbst in Verdacht und ihr ehemaliger Vorsitzender beging Selbstmord.
Währenddessen wird in der Basilicata Erdöl in grösserer Menge gefunden, so dass eine kommerzielle Nutzung möglich ist. Es braucht eine Sondermülldeponie. 1992 wird die Betriebsbewilligung für
die Sondermülldeponie in Guardia Perticara erteilt.
Heute lässt sich rekonstruieren, was in der Basilicata ab den 1990er Jahren wegen des Erdöls geschah. Es weist erstaunliche Ähnlichkeiten zu dem auf, was Pasolini in seinem Roman 1975
beschrieb.
Auf dieser Realität baut der Roman auf. Die Geschichte ist frei erfunden, natürlich, aber wo die Realität aufhört und wo die Fiktion beginnt, darf die Leserin / der Leser entdecken.
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