Philippe: «Die Americani, das waren Auswanderer aus Lukanien, die in die USA ausgewandert waren, oder deren Nachfahren. Während der großen Wirtschaftskrise von 1929 haben sie alles verloren und sind mit ihrem letzten Geld zurück ins Heimatdorf gekommen. Weil das Haus ihrer Vorfahren immer innerhalb der Familie geblieben war, hatten sie hier ein Dach über dem Kopf. Mit dem Geld, das sie noch hatten, konnten sie anständig leben.» (Die Tote von Anglona, Seite 162)
Ich habe von diesen Rückkehrern erstmals gehört, als ich «Christus kam nur bis Eboli» von Carlo Levi las. Du hast dies zu einer Haltung der Auswanderer in den 1960er Jahren gemacht. Wieso?
Gianpietro: Die Basilicata wurde ab der Gründung des Königreichs Italien zur Auswanderungsgegend. Der Zerfall des alten Systems entzog vielen die Existenzgrundlage unter den Füssen. Die USA
waren ein beliebtes Auswanderungsziel.
Da viele auswanderten aber kaum niemand sich neu in der Basilicata niederliess, standen viele Häuser leer und fanden keine Käufer. Die Verwandten der Auswanderer nutzten die Gebäude,
erhielten sie. Wer in der grossen Wirtschaftskrise 1929 alles verlor, konnte von diesem Glücksfall profitieren.
Die Auswanderung nach dem Zweiten Weltkrieg unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von der Auswanderung des 19. Jahrhunderts. Die Auswanderer hatten die Möglichkeit für kurze Zeit
zurückzugehen. Sie mussten sich nicht loslösen, wie die Auswanderer des 19. Jahrhunderts, die ihr Dorf in der Überzeugung verliessen, es wahrscheinlich nie mehr zu sehen.
So konnte der Traum der Rückkehr im Alter entstehen. Die Auswanderung wurde zum zeitlich begrenzten Projekt. Die Perspektive, in der Heimat von seiner Rente zu leben, band viele Auswanderer
an ihre alte Heimat.
Achims Grossvater pflegte diesen Traum der Rückkehr. Sein Vater hingegen nicht. Aber er gehorchte Achims Grossmutter, die das Haus im Heimatdorf einer Verwandten zur Verfügung stellen wollte,
weil ihr damit geholfen werden konnte. Achim selbst hat keine Idee, was er mit dem Haus machen soll, er führt fort, was seine Eltern gemacht haben.
So geht es vielen Menschen meiner Generation. Unsere Eltern haben sich eine neue Existenz aufgebaut, die Bindung zur alten Heimat ist noch da, aber es besteht kein Drang zurückzuwandern. Sich
von Liegenschaften in der Heimat der Vorfahren zu trennen, kommt nicht in Frage, weil es etwas Endgültiges ist, weit mehr als «nur» der Verkauf eines Hauses. Marco Balzano hat das in «damals am
Meer» wunderbar beschrieben.
Wirtschaftlich macht eine Zweitwohnung tausend oder zweitausend Kilometer entfernt wenig Sinn. Emotional ist das eine ganz andere Geschichte. In ländlichen Gegenden Süditaliens kannst Du
zudem etwas erleben, was es in Deutschland und in der Schweiz nicht gibt, nicht mehr gibt. Das löst eine Nostalgie nach verlorenen Zeiten aus. Je mehr der Traum eines besseren Lebens zum Albtraum
eines Lebens unter Druck und Zwang in einem Umfeld von Konkurrenz und Feindseligkeit wird, umso erlösender wirkt diese Nostalgie.
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