Philippe: «Eine fiktive Geschichte, die sich so durchaus zugetragen haben könnte (und wer weiß ... vielleicht war das auch der Fall ..» schreibt Martin Skerhut in seiner Rezension über Dein Buch. Ich weiss, Du behauptest, nicht Achim Crocco zu sein, aber ist Dein Debütroman nicht autobiographisch?
Gianpietro: Es ist nicht meine Geschichte. Auch nicht die Geschichte meiner Familie. Die Geschichte ist erfunden. Der Eindruck, dass sich so zugetragen haben könnte, ist darauf
zurückzuführen, dass sie auf wahren Begebenheiten aufbaut.
Viele Szenen sind nicht fiktiv, sondern haben sich zu einem anderen Zeitpunkt anderswo abgespielt. Meistens haben andere Menschen diese erlebt. Die Behauptung zum Beispiel, in Guardia
Perticara sei die soziale Kontrolle so extrem, dass das ganze Dorf weiss, dass man eine Affäre hat, bevor man es selbst weiss, habe ich einmal gehört. In einem anderen Kontext, als ich den Satz
im Roman verwendet habe. Die Behauptung ist so wunderschön und treffend, dass ich sie einbauen wollte.
Ich hatte nicht das Glück, ein Haus in der alten Heimat meiner Eltern zu erben. Ich durfte mich nie damit auseinandersetzen, was es bedeutet, Hausbesitzer in einer Ortschaft zu sein, die eine
längst vergangene Zeit verkörpert und keine Rolle in der eigenen Zukunftsplanung spielt.
Niemand aus meiner gesamten Verwandtschaft wohnt noch im Dorf unserer Herkunft. Dieses typische süditalienische Phänomen der alljährlichen Rückkehr im Sommer kennt meine Familie nicht, denn
wir sind weit voneinander verstreut und keiner hat noch Verpflichtungen am Ursprung unserer Familie.
Achim kennt das auch nicht. Da haben wir etwas gemeinsam. Einmal im Jahr sich auf seine Wurzeln zu besinnen und den Rest der Zeit, das Leben zu führen, welches man ohne soziale Kontrolle
führen will, fasziniert mich.
Nein, ich bin nicht Achim. Ich bin nicht Historiker und bin nicht in Bochum geboren. Manchmal wäre ich aber gerne Achim. Ein Haus zu betreten, welches ein Vorfahre bewohnt hat, oder einen
Baum zu berühren, den mehrere Generationen vor mir auch berührt haben, stelle ich mir als wunderbare Erfahrung vor.
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