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Keine Zukunft?

Philippe: Die Basilicata habe keine Zukunft, sagt Achims Vater. Dein Debütroman endet aber mit zwei deutschen Kindern, Laura und Ludwig, die Olivenbäume berühren, die schon ihr Urgrossvater berührt hat. Kinder sind ein Sinnbild für die Zukunft. Sind die Kinder der Auswandererkinder die Zukunft der Basilicata?


Gianpietro: Was Laura und Ludwig erleben, werden in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren Tausende, Zehntausende ja sogar Hunderttausende erleben. Sie sind die Enkelkinder der Auswanderer oder gar schon die dritte Generation, die nicht mehr in der Basilicata geboren ist.


Viele Auswanderer der 1950er und 1960er Jahre leben noch, aber diejenigen, die das Ende ihres Lebens erreicht haben, werden immer zahlreicher. Ihre Häuser stehen zunehmend leer, weil sie nicht mehr in der Lage sind in die alte Heimat zu reisen und ihre Erben die Häuser kaum nutzen. Käufer finden sich für diese Häuser auch nur selten.


Irgendeinmal kommt der Moment, den Marco Balzano so wunderbar in «Damals am Meer» beschrieben hat. Die Auswanderergeneration wirft ihren Kindern vor, kein Interesse am Haus der Familie in der alten Heimat zu haben. Die nächste Generation verbindet das Dorf der Vorfahren bestenfalls mit Ferien. Und dann?


Laura und Ludwig haben ihren Urgrossvater nicht kennengelernt, er ist gestorben, bevor sie zur Welt kamen. Ihre Grossmutter lebt im Haus, welches er in Deutschland gekauft hatte. Dieses Haus verbindet sie mit ihrem Urgrossvater, nicht sein Geburtshaus. Zumindest bis sie sich vorstellen können, dass er in Lauras Alter genau diese Bäume berührt hat, die sie nun berühren. Plötzlich ist er fassbar, dieser Urgrossvater, den sie nur von Fotos her kennen.


Genau diesen Moment erleben zahlreiche Nachfahren der Auswanderer. Was sollen sie mit einem geerbten Haus weit weg von ihrem Alltag? Was sollen sie mit den geerbten Landwirtschaftsflächen? Was sollen sie insbesondere tun, wenn sie nur einen Anteil an Landwirtschaftsflächen erben und die anderen Erben ebenso wenig Bezug zur Landwirtschaft in der Basilicata haben? Was nun, wenn sich auch keiner der Erben in der Basilicata für diese Flächen interessiert?


Loslassen, werden viele sagen. Losgelöst von vererbten Lasten zu sein, sei eine Errungenschaft der modernen Gesellschaft. Hier und jetzt leben, weder in der Vergangenheit noch in die Zukunft.
Loslassen ist aber endgültig. Wer darüber nachdenkt, kommt ins Grübeln. So wie Helene, Lauras und Ludwigs Mutter. Sie weiss, dass es endgültig vorbei ist, wenn sie das süditalienische Erbe loslässt, welches sie jahrelang nicht kannte.


Sie kann die Entscheidung vertagen. So wie es Giovanni, Achims Vater getan hat. Er hat keine Zukunft in der Basilicata gesehen, aber keinen endgültigen Entscheid gefällt. Damit Achim frei entscheiden kann. So gesehen liegt die Zukunft in den Händen der Kinder.

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