Philippe: Einerseits zitierst Du den Ambrosetti-Bericht und sagst, Dekarbonisierung sei das Schlüsselwort darin. Anderseits trägt Dein zweiter Roman den Arbeitstitel «Petrolio», also Erdöl. Wie passt das zusammen? Ist Erdöl die Zukunft der Basilicata?
Gianpietro: Nein, das Erdöl ist nicht die Zukunft der Basilicata. Es ist nirgendwo die Zukunft. Bestenfalls ist es eine Übergangslösung, aber im Falle der Basilicata bezweifle ich sogar das.
Mein zweiter Roman trägt diesen Arbeitstitel, weil Pasolinis letztes Werk so hiess. Darin beschreibt er, was für Menschen der staatliche Erdölkonzern Italiens anzog. Was er 1975 schrieb, kann in
der Basilicata seit den 1990er Jahren beobachtet werden.
Die Erdölförderung ist ein kapitalintensives Unternehmen. Der Think Tank, den wir letzte Woche zitiert haben, bezeichnet solche Unternehmen als eine der Entwicklungsachsen der Basilicata. Die
Erdölförderung ist nicht personalintensiv und erfordert fachliche Kompetenzen, die in der Basilicata selten sind. Sie bietet nicht viele Arbeitsplätze für Einheimische. Als nachhaltig würde ich
das Erdöl auch nicht bezeichnen und hinsichtlich Umweltschutz ist es auch nicht gerade ideal, freundlich formuliert. Gar nicht ideal ist die Anziehungskraft für mafiöse Organisationen. Geld zieht
die Mafia an, egal wo es ist. Wenn der Staat schwach ist, und das trifft für Süditalien zu, können sich solche Organisationen besonders einfach ausbreiten.
Das Erdöl hat aber auch attraktive Aspekte. Im Gegensatz zu den erneuerbaren Energien Wind und Sonne kann seine Förderung der Nachfrage angepasst werden. Bei Wind und Energie bestimmt die
Natur, wann Energie erzeugt wird. Zudem ist die Lieferkette vom Förderer bis zum Endkonsumenten vorhanden und funktioniert. Nicht zu unterschätzen sind die Nebenprodukte. Aus Erdöl macht man
nicht nur Benzin oder Heizöl. Es gibt Nebenprodukte wie Schwefel für die Gummiindustrie oder Harnstoff für die Düngerindustrie.
Bei der Erdölförderung entsteht aber Sondermüll. Der ist nicht per se problematisch, es gibt aber auch eine Müllmafia. Donna Leon hat das in einem ihrer Brunetti-Krimis thematisiert, denn die
Müllmafia betrifft ganz Europa, nicht nur Süditalien.
Die Basilicata steht vor der Herausforderung, dass sie auf einem Schatz sitzt, der heute wertvoll ist. Das grosse Geld machen aber nicht die Einwohner oder die Gemeinden der Basilicata.
Dennoch bringt dieser Schatz finanzielle Mittel, die für den Aufbau einer nachhaltigen Zukunft gebraucht werden.
Die zentrale Frage ist, was mit diesen finanziellen Mittel geschehen soll. Wie können Individuen eine Existenz dank diesen finanziellen Mitteln aufbauen, welche sonst nicht möglich wäre?
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Maximilian Puerstl (Mittwoch, 15 April 2026 11:39)
Sehr interessante Aspekte!