Philippe: Deine Behauptung, Deutschland und die Schweiz würden sich selbst abschaffen, haben mich an den Fürsten im Roman «Il Gattopardo» erinnert. Unfähig sich den Veränderungen zu stellen, verharrt er gefangen in den Normen und Ritualen seiner sozialen Schicht und löst damit das Ende der Bedeutung und des Vermögens seiner Familie aus.
Gianpietro: Auf diese Unfähigkeit sich zu lösen reduziert, stimmt der Vergleich. Das Sizilien des Fürsten war aber eine ungerechte Welt, die Mehrheit der Sizilianer konnte 1861 von einem
besseren Leben träumen. In Deutschland und der Schweiz hingegen haben heute immer mehr Menschen das Gefühl Verlierer des Systems zu sein.
Verlierer sind in Wirklichkeit nur diejenigen, die wie der Fürst ihre Normen und Rituale nicht hinterfragen. Nicht alle Mitglieder seiner Familie waren Verlierer der Veränderungen. Wer sich
gelöst hat und mit dem Wandel gehen konnte, hatte eine Zukunft. Sie mussten sich allerdings vom Fürsten lösen und deshalb auswandern.
Hier stimmt die Parallele zu Achim. Auch Achim löst sich von der negativen Stimmung in Deutschland. Kürzlich ist eine sehr interessante Studie veröffentlicht worden. Die Deutschen sind
überdurchschnittlich bereit, Nachteile für sich in Kauf zu nehmen, wenn ein Vorteil für die Allgemeinheit entsteht. Sie glauben aber, die Mehrheit der Deutschen seien dazu nicht
bereit.
Dieses negative Selbstbild ist zerstörerisch.
Wer positiv denkt, leidet unter einer solchen negativen Stimmung.
Wenn Du Alternativen kennst, und das trifft auf alle Migranten und ihre Nachfahren zu, dann weisst Du, dass diese negative Entwicklung nicht der einzig mögliche Weg ist.
Wir erleben im Abstimmungskampf zur 10-Millionen-Initiative eine ausgesprochene negative Stimmung. Befürworter und Gegner werfen mit negativen Botschaften um sich, schüren Ängste.
Niemand stellt die Frage, wer wir sind und was uns wichtig ist.
Als Migrantensohn kennt Achim die Antwort. Denn er hat sie für sich selbst beantworten müssen.
Manchmal ist er Italiener, manchmal ist er Deutscher. Wenn er seine italienische Seite bevorzugt, ruft ihm seine Mutter in Erinnerung, dass er auch Deutscher ist.
Er kann zwischen zwei Welten wählen. Da ihm die Heimat seiner italienischen Vorfahren spannender vorkommt, blendet er seine deutschen Wurzeln aus. Und doch kommen diese Aspekte seiner
Identität immer wieder zum Vorschein.
Er ist nicht entweder Italiener oder Deutscher. Er ist beides.
Diese Spannung zwischen zwei Welten prägt auch mein Leben. Meine Kinder heben lieber ihre italienischen Charakterzüge hervor als ihre schweizerischen. Vor allem wenn ihnen ihre italienischen
Eigenschaften in der Schweiz vorgeworfen werden.
Wir sind frei, weil wir nicht auf einen Stereotypen reduziert werden können. Wir leben zwischen zwei Welten.
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Maximilian Puerstl (Dienstag, 09 Juni 2026 13:43)
Danke!