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Die Rache des Lukaners

Philippe: Migrantenkinder sind frei, schreibst Du in letzten Blogbeitrag. Frei, weil sie nicht in eine Schublade gesteckt werden können, zwischen zwei Welten wählen können, und sich deshalb bewusst sind, dass es immer eine Alternative gibt. Das ist eine sehr positive Darstellung der Existenz als Migrantenkind. Im Alltag ist es nicht immer so positiv.


Gianpietro: Als Migrantenkind musst Du viel einstecken. Ich war jahrelang der «Tschingg». Im Gegensatz zu Kindern, die nicht ausweichen können, flüchten Migrantenkinder in die «andere» Welt, die der Vorfahren. Wer Dich als «Tschingg» bezeichnet, ist für Dich ein «blöder Bünzli». Du kannst Dich distanzieren, die Schuld nicht auf Dich laden. Daran muss ich immer denken, wenn in den Medien von gemobbten Kindern und Jugendlichen die Rede ist, die psychologische Betreuung brauchen oder gar in den Suizid getrieben werden.


Das Gleichgewicht der Migrantenkinder ist nicht das Gleichgewicht ihrer Eltern. Es ist ein neues Gleichgewicht, eine neue Welt entsteht, eine dritte Welt, welche Teile der Welt der Vorfahren und Teile der Wahlheimat zu etwas Neuem vereint.


Dieses Gleichgewicht, diese neue Welt, gibt den Migrantenkindern eine Stärke, die andere Kinder nicht haben. Sie können nicht gefangen genommen werden, ausser eine der beiden Welten versagt total. Versagt eine Welt können Extremisten das Migrantenkind für sich gewinnen, sowohl Extremisten gegen die Wahlheimat als auch Extremisten für die Wahlheimat.


Abgesehen von diesen Extremsituationen geniessen Migrantenkinder den Luxus, immer die Wahl zu haben. Je nachdem wie mir zumute ist, bin ich ein Italiener oder ein Schweizer. Ich kann wählen.


Wenn die Wurzeln der Vorfahren stark sind, dann haben sie einen Vorteil. Sie bieten Dir Zuflucht, und sei es auch nur in Träumen, vor dem Alltag. Je schlimmer der Alltag, umso schöner die Träume. 


Du bildest einen Panzer gegen aussen. Dadurch werden die Wurzeln der Vorfahren Teil Deines Inneren. Bedroht mich mein Alltag, wie in den letzten Wochen der Abstimmungskampf zur 10-Millionen-Initiative, verschliesse ich mich und spüre in meinem Innersten meine Verbundenheit zur Welt meiner Vorfahren.


In diesen Momenten kommt aus meinem tiefsten Inneren: Io sono Lucano.


Wird die Welt um mich feindlich, weckt sie den Lukaner in mir. Dann rezitiere ich das Gedicht «Gente di Lucania» von Leonardo Sinisgalli. Denn ich weiss, wie wahr seine Worte sind. Lukaner können vierzig Jahre ausgewandert sein, wenn sie zurückkommen, sprechen sie nicht von der Wahlheimat, sondern freuen sich am Geschmack des Fenchels.


Wenn ich aus meinem Traum erwache, bin ich gestärkt, kann den Widrigkeiten entgegenhalten. Die Lukaner sind ein Volk, welches Widrigkeiten mit Würde erträgt. Das hilft ungemein, wenn Du mit Menschen zu tun hast, die in ihrer Existenzangst widerwärtig werden.

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