Philippe: Du hast mehrere lukanische Autoren in dem Deinem Roman integriert. Albino Pierro machst Du sogar zur Figur und zitierst ihn. Im deutschsprachigen Raum sind die Schriftsteller aus der Basilicata weitgehend unbekannt. Einige wurden in Französisch aber nicht in Deutsch übersetzt. Von Pierro gibt es sogar Übersetzungen in Schwedisch oder Holländisch. Wie erklärst Du Dir diese fehlende Präsenz der lukanischen Autoren in Deutschland, aber auch in Österreich und der deutschsprachigen Schweiz?
Gianpietro: Ich sehe zwei Gründe dafür. Erstens ist die Basilicata weitgehend unbekannt, vor allem im deutschsprachigen Raum, aber nicht nur. Zweitens unterscheidet sich die lukanische Kultur
deutlich von der «italienischen» Kultur. Sofern es eine «italienische» Kultur gibt. Die regionalen Unterschiede sind so gross, dass es in meinen Augen keine nationale Kultur gibt. Allenfalls gibt
es landesweit anerkannte Künstler und die sind eher als Musiker unterwegs. Die Werke der meisten Schriftsteller sind stark regional verankert. Es gibt lukanische Autoren, die landesweit bekannt
sind, wie Gaetano Cappelli, aber über die Landesgrenzen hinaus schaffen es nur die Krimiautoren, einer breiten Leserschaft bekannt zu sein. Das hat meines Wissens bis jetzt nicht einmal Mariolina
Venezia geschafft.
Dichter sind eine Kategorie für sich. Sie sprechen nur eine kleine Gruppe an, aber da gibt es mehrere lukanische Autoren, die viel Anerkennung erhalten. Der älteste ist Horaz ein römischer
Dichter aus dem ersten Jahrhundert vor Christus. Leonardo Sinisgalli hat einen Wikipedia-Eintrag in Englisch, aber nicht in Deutsch. Der grösste aller lukanischen Dichter ist Albino Pierro.
Zweimal wurde er für den Literaturnobelpreis nominiert. Das erste Mal gewann der erste afrikanische Autor, das zweite Mal der erste arabische Autor. Seine Gedichte sind aussergewöhnlich, auch für
Menschen zugänglich, die sonst mit Gedichten Mühe haben.
Diese Zugänglichkeit habe ich im Roman integriert. Auf seiner Flucht schreibt Claudio Gentile seinen Verwandten, um sie zu informieren, dass er verschwindet, ohne dass die Polizei mit dem
Hinweis etwas anfangen kann. Das erreicht er, indem er einige Zeilen eines Gedichtes von Albino Pierro zitiert, mit dem er verwandt ist.
Zwei Autoren, die nicht Lukaner sind, haben der Basilicata Sichtbarkeit gegeben. Der berühmte schwedische Krimiautor Arne Dahl lässt einige Szenen seiner OpCop-Serie in der Basilicata
spielen. Carlo Levi hat mit «Christus kam nur bis Eboli» ein kulturell eminent wichtiges Buch geschrieben. Die Verfilmung durch Francesco Rosi hat die Sichtbarkeit des Buches verstärkt.
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