In der Ferne sieht man das Verbindende eher. Als Kinder haben wir in Italien auf der Autobahn allen Autos mit Berner Nummernschildern zugewinkt. Im Kanton Bern natürlich nicht. Menschen, mit denen Du im Alltag nichts zu tun hast, nichts zu tun haben willst, werden für Dich plötzlich wichtiger, weil sie etwas haben, was die Mehrheit um Dich herum nicht hat.
Es geht nicht um «Yes, I can», sondern um «Yes, we can». Was natürlich den Glauben an sich einschliesst. Schau Dir die Auswanderersendungen an, die so erfolgreich auf verschiedenen Sendern laufen. Welche Auswanderer scheitern, welchen gelingt die Auswanderung? Worin unterscheiden sie sich? Nicht am Mut zum Zeitpunkt der Auswanderung.
Wer setzt sich schon freiwillig Unfreundlichkeit aus?
Also bleiben die Migranten im Schatten. Es sind ihre Kinder, die das Rampenlicht suchen. Sie nehmen am politischen, kulturellen oder sportlichen Leben teil. Der zweiten Generation genügt es nicht, unbeachtet zu arbeiten. Sie erwarten die verdiente Anerkennung für die geleistete Arbeit.
Vor 50 Jahren wurde Pier Paolo Pasolini ermordet. Sein letztes Werk, das Buch «Petrolio», blieb unvollendet und erschien erst 1992. Fünfzig Jahre später heisst der Arbeitstitel meines zweiten Romans «Petrolio». Nicht etwa, weil es posthum erscheinen soll oder mein letztes Werk sein soll. Veröffentlicht wird es auch anders heissen.
Wenn Du Menschen in der alten Heimat begegnest, die mit Dir verwandt sind, entsteht eine andere Bindung, aber auch wenn nur Steine etwas mit Deiner Familie zu tun haben, ist das mehr als nichts. Am Ende des Romans berührt Helene Olivenbäume, die schon ihr Urgrossvater berührt hat. Ein intensives Gefühl.
Die Sprache der Vorfahren sprechen zu können, ist eine Grundvoraussetzung, um den Zugang zu finden. Ich kenne viele Drittgenerationskinder, welche die Sprache ihrer Vorfahren nicht sprechen.
Ja, es ist viel Verantwortung für die zweite Generation, denn sie stellt die Weichen. Nein, es ist nicht viel Verantwortung, denn keiner Generation wird es einfacher haben, als sie diese Weichen zu stellen.
Secondo zu sein, ist ein aussergewöhnliches Geschenk. Durch Deine Eltern hast Du einen direkten Kontakt zur Kultur Deiner Vorfahren. Gleichzeitig tauchst Du durch die Schule in eine Welt ein, die Deinen Eltern fremd ist. Du lernst sehr schnell, Dich zwischen zwei Welten hin und her zu bewegen.
Den gemeinsamen Traum der Auswanderer gibt es nicht. Es sind immer Einzelschicksale.
Wir widmen diesen Beitrag Octav Stroici. Octav Stroici (66) war ein rumänischer Arbeiter auf der Baustelle des Torre dei Conti in Rom. Er starb in der Nacht vom 3. auf den 4.11. 2025 an den Folgen seiner Verletzungen nach dem partiellen Einsturz des Turms.
Deine Bindungen an die alte Heimat spielen eine grosse Rolle. Wenn Dein Dorf zerstört, Deine Familie verstreut und getötet ist, erlebst Du die Auswanderung anders, als wenn Du Deine Angehörigen, Dein Herz und Deine Kultur zurücklässt und nur auswanderst, weil wirtschaftliche Gründe Dich dazu zwingen. Den gemeinsamen Traum der Auswanderer gibt es nicht.