Philippe: Den gemeinsamen Traum der Auswanderer gibt es nicht. So hört Deine Antwort letzte Woche auf. Wiederkehrende Muster sind aber erkennbar. Oder würdest Du mir hier auch widersprechen?
Gianpietro: Widersprechen vielleicht nicht, aber differenzieren. Wiederkehrende Muster bedeuten nicht, dass es keine individuellen Unterschiede gibt. Es sind immer Einzelschicksale. Deshalb
habe ich auch die drei Freunde erfunden, die gemeinsam auswandern. Alle drei haben wirtschaftliche Gründe auszuwandern, das kannst Du ein wiederkehrendes Muster nennen.
Aber Dein Muster bröckelt bereits bei der näheren Betrachtung. Vito und Giovanni wandern aus, weil das Aufkommen von Landmaschinen viele Arbeitskräfte ersetzen. Das bedeutet noch nicht, dass ausgerechnet sie auswandern und niemand anderes aus der Familie. Beim genaueren Betrachten wirst Du auch erkennen, dass Giovannis Vater und sein Bruder für sich ebenso keine Perspektive sehen und das Dorf auch bald verlassen. Bei Vito steht nichts dergleichen im Roman. Pantaleo wandert aus, weil er gar keine Perspektive bei einem Verbleib hatte. Da stellt sich die Frage gar nicht, wer das Werk der Vorfahren fortführt und wer auswandert. Es gibt kein Werk, welches fortgeführt werden könnte.
Das wirkt sich auf ihr ganzes Leben aus. Vitos zukünftige Frau lebt im Dorf, ein starker Grund immer wieder nach Hause zu gehen. Giovannis Eltern und sein Bruder wandern nach Norditalien aus.
Ein starker Grund jedes Jahr nach Norditalien zu gehen. Dadurch fehlt aber der Grund bis in den Süden zu reisen. Du machst es wie ich, wenn Du von der Basilicata nach Hause fährst. An einem Tag
die über 1200 Kilometer zurück in die Schweiz, zwei Fahrer, die sich immer wieder abwechseln. Die Adriatica, die wir dafür benutzen, wurde erst 1975 bis Taranto gebaut. Vorher musste man über
Landstrassen fahren. Wenn Du die Adriatica bei Foggia verlässt und die direkte Strasse über die Hügel nach Guardia Perticara nimmst, erlebst Du, wie es früher gewesen sein muss. Stell Dir das
einmal in den 1960er Jahren für Auswanderer vor, die im Ruhrgebiet wohnten!
Paolo Gentile ging jedes Jahr zurück nach Anglona, zumindest solange seine Mutter lebte. Paolo, Vito und Giovanni haben auf den ersten Blick eine ähnliche Geschichte und dennoch merkst Du
beim genauer hinschauen, dass es unterschiedliche Schicksale sind.
P.S. Octav Stroici (66) war ein rumänischer Arbeiter auf der Baustelle des Torre dei Conti in Rom. Er starb in der Nacht vom 3. auf den 4.11. 2025 an den Folgen seiner Verletzungen nach
dem partiellen Einsturz des Turms. Wir widmen ihm diesen Beitrag.
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