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Schatten und Rampenlicht

Philippe: Die Aussage von Tahsim Durgun an der Verleihung der 1Live Krone, er wünsche sich, Deutschland hätte einen Bundeskanzler, der begreift, dass auch seine Eltern dieses Land aufgebaut haben, hat mich an eine Szene in Deinem Buch erinnert.


Achim ist mit seiner Mutter bei einem alten Freund seines Vaters eingeladen. Als er den Namen des verschollenen Bruders von Costanza Gentile («die Tote von Anglona») sagt, stellt die Frau des Freundes den Zusammenhang mit einem früheren Vorfall her. Sie fragt, ob sie sich erinnern können, als Anfang der 60er in Essen ein Italiener einen Deutschen in einer Bar erschlagen hat und dann geflüchtet ist.


Ihr Mann erwidert mit einem finsteren Blick «Monatelang standen alle Süditaliener unter Generalverdacht. So etwas vergisst man nicht».


Blieben die Migranten lieber im Schatten und wurden unfreiwillig ins Rampenlicht gezerrt, wenn sie als Gruppe angeprangert wurden?


Gianpietro: Du brauchst nicht in der Vergangenheit zu sprechen. Das ist immer noch so, seit einigen Jahren ist das pauschalisierende Anprangern sogar schlimmer geworden. Kannst Du Dich erinnern als in Huttwil auf ein Gebäude geschossen wurde? Hat da jemand behauptet, alle Huttwiler seien schiesswütige Kriminelle? Nicht, oder? Wieso nicht? Oder besser gesagt, wenn es Albaner, Türken oder Süditaliener gewesen wären? Was hätte man gesagt?


Migranten suchen nicht das Rampenlicht. Sie haben ihre Heimat verlassen, um eine Existenz zu haben, allenfalls um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Auffallen wollen sie erst recht nicht, wenn sie sich nicht willkommen fühlen. «Eigentlich waren die Italiener gar nicht willkommen und der Begriff Gastarbeiter war ein Witz!», sagt Maria in diesem Kapitel, die Frau des alten Freundes. Mit südländischer Gastfreundlichkeit hatte das Leben der Migranten in Deutschland oder der Schweiz in den 1960er Jahren wenig zu tun. Wer setzt sich schon freiwillig Unfreundlichkeit aus?


Also bleiben die Migranten im Schatten. Es sind ihre Kinder, die das Rampenlicht suchen. Sie nehmen am politischen, kulturellen oder sportlichen Leben teil. Der zweiten Generation genügt es nicht, unbeachtet zu arbeiten. Sie erwarten die verdiente Anerkennung für die geleistete Arbeit. Tahsim Durgun hat seine Mutter ins Rampenlicht gerückt. Viele Migrantinnen möchten das auf keinen Fall. 

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