Philippe: Als 1873 Karl Roethlisberger, Ben Roethlisbergers Vorfahre, in die USA auswanderten, lebten meine Vorfahren nicht mehr in Payerne. Mein Urgrossvater wurde bereits in Lausanne geboren. Eine andere Distanz als zwischen dem Emmental und den Vereinigten Staaten und doch gross genug, dass es mir letzten Endes nicht anders geht als ihm, wenn ich den Ort meiner Vorfahren besuche. Er weiss immerhin auf welchem Bauernhof seine Vorfahren lebten. Dieses Glück habe ich nicht. Achims Mutter sagt in Deinem Debütroman über Helene Müller «Bei dieser jungen Frau ist es gut möglich, dass nur noch Steine etwas mit ihrer Familie zu tun haben». Kann man Generationen später noch eine Bindung aufbauen?
Gianpietro: Sicher kann man das. Wenn Du Menschen in der alten Heimat begegnest, die mit Dir verwandt sind, entsteht eine andere Bindung, aber auch wenn nur Steine etwas mit Deiner Familie zu
tun haben, ist das mehr als nichts. Am Ende des Romans berührt Helene Olivenbäume, die schon ihr Urgrossvater berührt hat. Ein intensives Gefühl.
Es braucht viel mehr Wille, als wenn Dir Kultur und Traditionen in die Wiege gelegt werden. Wenn Deine Grossmutter oder Dein Grossvater mit Dir durch ihr ehemaliges Dorf wandern, Dir zeigen,
wo sie zur Schule gingen, wo wer gewohnt hat, entsteht ein sehr persönlicher Bezug. Fehlt dieser Bezug braucht es mehr Fantasie, um eine Bindung aufzubauen.
Ein Heimatgefühl wird wahrscheinlich nicht mehr aufkommen. Der Ort Deiner Vorfahren ist für Dich keine Heimat mehr, eher ein Ursprung, wie es Christiane Hoffmann formuliert hat. Aber auch für
einen Ursprung kann man sich interessieren. Denn auch dieser Ursprung ist Teil Deiner Geschichte. Die Gründe ebenso, wieso Deine Vorfahren diesen Ort verlassen haben. Genauso wie die Gründe,
wieso Deine Vorfahren die Bindung zu diesem Ort verloren haben. Wenn Du zwei Wurzeln hast und eine verkümmert, bleibt Dir immer noch die andere. Du bist nicht haltlos auf Deiner Suche nach diesem
Ursprung.
Es braucht nicht viel, um eine Heimat zum Ursprung zu machen. Meine Hauptfigur baut erst 60-jährig eine Bindung zur Heimat seines Vaters auf, nachdem dieser gestorben ist. Der Grund ist
einfach: nicht nur sein Vater ist ausgewandert, sondern dessen Eltern und dessen Bruder ebenfalls. Meine Hauptfigur hat seine Grosseltern häufig besucht, aber nicht in der alten Heimat, der
Basilicata. In dieser Situation befinden sich viele Secondi.
In dieser Situation befinden sich auch alle, deren Vorfahren innerhalb der Schweiz den Ort ihrer Vorfahren verlassen haben. Was Moritz Leuenberg gesagt hat, als er als frischgewählter
Bundesrat seinen Heimatort Rohrbach besucht hat, ist prägnant formuliert. Es lohnt sich dieses kurze Interview zu hören.
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