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Auswanderertraum

Philippe: Wer auswandert, träumt von einem anderen Leben. Ein besseres Leben ist mit Sicherheit Teil des Traums, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die eigenen Kinder. Würdest Du diese Aussage unterschreiben?


Gianpietro: so verallgemeinernd würde ich die Aussage nicht unterschreiben. Für die Auswanderung gibt es viele Gründe und der Zeitpunkt der Auswanderung ist entscheidend. Wer im 19. Jahrhundert aus Süditalien oder der Schweiz auswanderte, tat dies im Wissen, dass eine Rückkehr sehr unwahrscheinlich war. Heute können sich Auswanderer in ein Flugzeug setzen und für eine kurze Zeit nach Hause gehen, Verwandte besuchen zum Beispiel.


Ein anderes Leben streben alle Auswanderer an. Das würde ich unterschreiben. Was mit einem besseren Leben gleichzusetzen ist, zumindest in der Hoffnung der Auswanderer. Ob sie ein besseres Leben erreichen, ist eine andere Frage. Zudem spielt es eine grosse Rolle, wieso Du auswanderst. Kriegsflüchtlinge fliehen vor Allem vor dem Tod. Das bedeutet nicht zwingend, dass sie langfristig ein besseres Leben anderswo anstreben. Viele leben in der Hoffnung, bald in die Heimat zurückkehren zu dürfen. Genauso wenig denken junge Menschen, die ihren beruflichen Rucksack füllen wollen, an ein besseres Leben für die Kinder, die sie (noch) nicht haben.


Wenn Du die Migranten meinst, die ihre Heimat verlassen, weil sie dort keine Perspektive haben, dann würde ich es eher unterschreiben. Anderswo eine Perspektive haben, ist automatisch ein besseres Leben, aber diese Migranten haben keine Wahl zwischen zwei Lebensplänen. Es gibt nur einen: der Wegzug aus wirtschaftlichen Gründen. Wenn die Bildungsangebote und/oder die beruflichen Perspektiven für ihre Kinder auch schlecht sind, dann verstärkt dies das Gefälle zwischen der Perspektivlosigkeit auf der einen Seite und der Hoffnung auf der anderen.


Nicht alle Gastarbeiter wollten für immer auswandern. Es gab natürlich Gastarbeiter, die ihre Familien nicht mitnahmen, weil Deutschland und die Schweiz den Familien die Einreise verweigerten. Einige hatten auch den Plan, ein paar Jahre lang gut zu verdienen und möglichst viel Geld in die Heimat zu bringen und sich dort eine Zukunft aufzubauen.


Deine Bindungen an die alte Heimat spielen eine grosse Rolle. Wenn Dein Dorf zerstört, Deine Familie verstreut oder getötet ist, erlebst Du die Auswanderung anders, als wenn Du Deine Angehörigen, Dein Herz und Deine Kultur zurücklässt und nur auswanderst, weil wirtschaftliche Gründe Dich dazu zwingen. Den gemeinsamen Traum der Auswanderer gibt es nicht. 

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