· 

Solidarität

Philippe: Dein Beispiel von letzter Woche mit Claudio Gentile hat meine Wahrnehmung von Achims Verhalten Helene gegenüber verändert. Sein «Du sollst den Weg zu deinen Wurzeln nicht allein suchen müssen. Nicht so wie ich.» habe ich bisher sehr auf Achim bezogen gesehen. Das «nicht so wie ich» hat meine Wahrnehmung geprägt.


Nun sehe ich auch etwas anderes in dieser Antwort. Achim zieht eine Lehre aus seiner Erfahrung, deshalb sagt er «Du sollst den Weg zu deinen Wurzeln nicht allein suchen müssen.»


Der Ausschnitt auf Seite 93, den Du vor zwei Wochen erwähnt hast, hat mich an die Casa d’Italia in Bern erinnert. Im zweiten Stockwerk haben viele Vereine einen Briefkasten. Auch der Verein der Lukaner in Bern. Solche Vereine erwähnst Du auch, sowohl den in Florenz als auch den in Bochum. Wie wichtig ist die Solidarität unter Migranten?


Gianpietro: In der Ferne sieht man das Verbindende eher. Als Kinder haben wir in Italien auf der Autobahn allen Autos mit Berner Nummernschildern zugewinkt. Im Kanton Bern natürlich nicht. Menschen, mit denen Du im Alltag nichts zu tun hast, nichts zu tun haben willst, werden für Dich plötzlich wichtiger, weil sie etwas haben, was die Mehrheit um Dich herum nicht hat.

 

Die Beziehung kühlt aber rasch ab, wenn es nichts Gemeinsames gibt, was geteilt werden kann. Eine Verbindung verbindet, mehr aber auch nicht. Erst wenn etwas geteilt werden kann, lebt eine Beziehung.


Die Basilikata hat viele Auswanderungswellen erlebt und viele wandern immer noch aus.

 

Teilweise ist es eine italienische Binnenmigration, also Landflucht. Teilweise wandern die Menschen ins Ausland aus. Allein in der Schweiz leben über 18'000 Menschen, die in der Basilikata stimmberechtigt sind. Das sind mehr Menschen als die drittgrösste Stadt der Basilikata, Policoro, Einwohner zählt.


Wenn Du an einem Fremden Ort ankommst, dann orientierst Du Dich an dem, was Du kennst.

 

Wenn es Bekannte oder Verwandte sind, dann suchst Du zuerst bei Ihnen Anschluss. Der Familismus ist in der Basilikata noch sehr ausgeprägt, also ist es normal, dass man zuerst bei Familienangehörigen Unterstützung sucht und man Familienangehörigen Unterstützung gibt.


In einer zunehmend komplexer werdenden Gesellschaft muss man vertrauen. Bekannten und Verwandten vertraust Du eher als Fremden. Nicht zuletzt, weil Du weisst, wieviel Vertrauen Du ihnen schenken kannst. Du weisst, was sie können und nicht können. Also kannst Du weniger enttäuscht werden. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani hat kürzlich ein sehr spannendes Buch zum Thema veröffentlicht (Aladin El-Mafaalani, Misstrauensgemeinschaften, Verlag Kiepenheuer & Witsch).


Es geht also nicht um Solidarität unter Migranten, sondern um Solidarität mit Menschen, mit denen Du etwas teilst.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0