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Secondo

Philippe:  Auf Deiner Homepage schreibst Du: Eine Auswanderung wirkt sich nicht nur auf die Person aus, die auswandert. Sie hat Folgen für die Personen, die zurückgelassen werden und für diejenigen, die in eine neue Kultur hineingeboren werden. In der Schweiz werden Menschen, die in der Schweiz geboren oder aufgewachsen sind, deren Eltern aber als Migrant:innen eingewandert sind Secondo respektive Seconda genannt. Sie sind die zweite Generation der Einwandererfamilien. Wieso hast Du die Identitätssuche dieser Generation zum zentralen Thema Deines Debütromans gemacht?


Gianpietro: Well ich ein Secondo bin. Migranten können Heimat im Plural erleben, wie ich im Beitrag «Heimat und Ursprung» gesagt habe. Als meine Kinder – die dritte Generation - begonnen haben, Fragen zu ihrer Herkunft zu stellen, hatte ich Mühe, sie zu beantworten. Vorher war ich mir nicht bewusst, dass ich drei Kulturen in mich trage. Die meiner Vorfahren, die meines Geburtslandes und eine Mischung beider Kulturen. 


Secondo zu sein, ist ein aussergewöhnliches Geschenk. Durch Deine Eltern hast Du einen direkten Kontakt zur Kultur Deiner Vorfahren. Gleichzeitig tauchst Du durch die Schule in eine Welt ein, die Deinen Eltern fremd ist. Du lernst sehr schnell, Dich zwischen zwei Welten hin und her zu bewegen. Du bist frei, aus jeder Kultur das Dir eigen zu machen, was zu Dir passt. Ein Secondo hat Wurzeln in zwei Böden. Er muss aber auch achtsam sein, sondern verkümmert eine der beiden Wurzeln.


Für die dritte Generation ist das unendlich schwieriger. Sie sind von der zweiten Generation abhängig. Meistens haben sie das Glück, Ihre Grosseltern zu kennen. Mit ihren Grosseltern tauchen sie in die Kultur der Vorfahren ein. Wieviel Kontakt sie mit ihren Grosseltern haben, hängt von den Eltern ab, der zweiten Generation. Ohne ihre Eltern werden sie als Kind keinen physischen Kontakt mit der Heimat der Grosseltern haben, beispielsweise indem sie dorthin reisen.


Marco Balzano hat dies wunderbar in «Damals am Meer» beschrieben. Für die dritte Generation ist die Frage der Herkunft existentiell. Sollen Sie noch den Kontakt zur alten Heimat der Grosseltern pflegen oder sollen sie alles hinter sich lassen und in die Zukunft schauen?


In «Die Tote von Anglona» gehört Helene Müller, die Enkelin von Paolo Gentile, zu dieser dritten Generation. Sie hat keinen Zugang zur alten Heimat ihrer lukanischen Vorfahren, weil Paolos Sohn Markus, ihr keinen Zugang geschenkt hat. Achim, ein Secondo, versucht diese Lücke zu schliessen.

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