· 

Rolle des Vaters

Philippe: Den Heimatort erhält ein Kind vom Elternteil, dessen Namen es trägt. Zumindest in der Schweiz. Das kulturelle Erbe erhält man nicht so einfach. Achim Crocco, die Hauptfigur in Deinem Roman stürzt in eine Krise, als er nach dem Tod des Vaters entdeckt, dass dieser vieles nicht erzählt hat, nicht weitergegeben hat. Nicht zuletzt, weil der Vater und der Sohn die Basilicata anders wahrnehmen.


Dieses Thema von der Rolle eines Vaters als Vorbild und Träger des weiterzugebenden Erbes kommt im Roman immer wieder vor. Der Vater der «Toten von Anglona», Vicenza Gentile, stirbt als Soldat während dem zweiten Weltkrieg, als sie noch ein Kind ist, und kann seine Rolle nicht wahrnehmen. Markus Gentile wiederum gab sein Wissen und seine Erfahrung seinen Kindern nicht weiter, obwohl sein Vater, Vicenzas Bruder, ihm Zugang zur alten Heimat gegeben hatte.


Wieso? Wieso kommt das Thema in verschiedenen Variationen vor?


Gianpietro: erstens vergisst Du die Frauen in Deiner Frage und zweitens fehlt ein Vater in Deiner Aufzählung, Pantaleo. Die Antwort auf Deine Frage lautet in der Kurzfassung: weil es um Einzelschicksale geht.


Unterschiedliche Generationen zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichen Partnern erlebten unterschiedliche Schicksale. Pietro Gentile, Vicenzas Vater, nahm eine traditionelle Rolle ein, wie sie zu seiner Zeit in der Basilicata üblich war. Es geht hier auch nicht um den Vater, sondern um das Fehlen des Vaters. Weniger für Vicenza als für ihr jüngerer Bruder Claudio, der ohne einen Vater aufwuchs, der ihm Grenzen aufzeigte. Giovanni Crocco und Pantaleo Zotta gehören zur nächsten Generation. Die Generation der Auswanderer. Giovannis Schicksal mit einer deutschen Frau, die ihm half, sich zu integrieren, und Pantaleos Schicksal mit einer Frau, die ihn mit den Kindern, für einen anderen verlässt, haben direkte Folgen für ihre Kinder. Eigentlich müssten wir hier Vicenzas Bruder Paolo auch berücksichtigen, denn wie Giovanni heiratet er eine Deutsche, aber im Gegensatz zu Giovanni reiste er mit seiner Frau und seinem Sohn Markus in die Basilicata. Ganz einfach, weil Giovannis Eltern nach Norditalien ausgewandert sind, während Paolos Mutter und seine Schwester immer noch in der alten Heimat lebten. Markus Gentile gehört zur Achims Generation und verlor den Bezug zu Basilicata, den Achim so gerne zu Lebzeiten seines Vaters gehabt hätte.

 

Ob Du als Vater Dein kulturelles Erbe weitergeben kannst, hängt nicht nur von Deinem Willen ab. Zahlreiche Menschen und Umstände prägen Deine Chancen es zu tun. Das Einzelschicksal wiegt schwer, gewichtet mehr als der eigene Wille. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0